Es gibt da diesen Moment, in dem man sich fragt: „Wieso tun wir uns das eigentlich selbst an?“ Gerade erst bei der CoupleChallenge: Julian F.M. Stöckel ruft laut nach „Tunten-Power“, lässt sich von seinem Partner als Frau bezeichnen und philosophiert über „echte hetero Männer“. Autsch. Wieder ein Schub für alle, die glauben, schwul sein sei gleichbedeutend mit Federboa, Zickenterror und Lady Gaga zum Frühstück. Vorurteile gegen Schwule – selbst aus der Community.
Versteht mich nicht falsch – wer glitzern will, soll glitzern. Wer Lippenstift liebt, bitte! Aber was ist mit denen, die einfach nur sie selbst sein wollen – ohne Klischee, ohne Glimmer, ohne Stöckelschuhe? Und schlimmer noch: Was ist mit denen, die durch diese Bilder ständig erklären müssen, dass sie auch „echt“ schwul sind – obwohl sie kein einziges Musical mitsingen können?
Wir stellen euch heute jemanden vor, der mit diesen Klischees aufräumt. Und zwar mit Vorschlaghammer, Presslufthammer und Torwandschuss. Bühne frei für: Kevin, 34, Bauarbeiter aus Essen, leidenschaftlicher Fußballspieler und – ja, Überraschung! – schwul.
Kevins Geschichte: Zwischen Zement, Zapfenstreich und Coming-out
Kevin war schon immer eher der Typ „Kumpeltyp“. Aufgewachsen im Ruhrpott, mit Fußballplatz als zweitem Wohnzimmer und Currywurst statt Chai Latte. Seine ersten Crushs galten nicht Lara Croft, sondern seinem Verteidiger beim Jugendturnier. Nur sagen konnte er das keinem. „Schwul? Bei uns? Junge, mach keinen Scheiß“, hieß es damals.
Heute steht Kevin auf der Baustelle seinen Mann – und auch im Leben. Er liebt Bier (aus der Flasche, versteht sich), fährt leidenschaftlich gerne Moped und hat einen Freund, der Schreiner ist. Sein Coming-out war kein Insta-Moment mit Regenbogenkonfetti. Es war ein Gespräch mit seinem besten Kumpel nach dem Training, während sie zusammen Döner aßen. Kein Drama, kein Theater. Nur Wahrheit. Keine Vorurteile.
Interview mit Kevin – „Ich muss mich nicht schminken, um schwul zu sein.“
gaycrew.de: Kevin, wenn man dich sieht, denken viele nicht direkt: „Ah, der ist schwul.“ Wie gehst du damit um?
Kevin: Ist doch okay. Ich hab kein Schild um den Hals. Ich bin halt ich. Wenn einer überrascht ist, dann frag ich: „Warum? Gibt’s ’ne Checkliste, wie man schwul auszusehen hat?“ Ich muss keine Skinny Jeans tragen oder über Lippenstifte reden, um Männer zu lieben.
gaycrew.de: In der Öffentlichkeit sieht man oft nur die „lauten“ Schwulen – Glitzer, Drag, Drama. Was macht das mit dir?
Kevin: Ich find das nicht schlimm – soll jeder machen, was er will. Aber es nervt, wenn dann so getan wird, als wären alle so. Ich bin kein bunter Paradiesvogel, sondern ein stinknormaler Typ mit Helmpflicht. Wenn ich dann von „Tuntenpower“ im Fernsehen höre, denk ich nur: Leute, wir kämpfen noch immer für Sichtbarkeit – aber nicht für ein Klischee.
gaycrew.de: Gibt’s Momente, wo du spürst, dass du dich rechtfertigen musst?
Kevin: Klar. Wenn ich sage, ich bin schwul, kommt oft: „Aber du wirkst gar nicht so.“ Was soll das heißen? Dass ich nicht rosa genug bin? Das nervt. Ich will nicht, dass junge Kerle denken, sie müssen sich verstellen, um dazuzugehören.
gaycrew.de: Was würdest du Leuten sagen, die meinen: „Ist doch nur Spaß“, wenn jemand von „echten hetero Männern“ spricht?
Kevin: Das ist kein Spaß. Das ist verletzend. Das stellt mich in die Ecke der „unechten Männer“. Ich bin nicht weniger Mann, nur weil ich meinen Freund küsse statt meine Freundin. Solche Aussagen füttern Vorurteile, und das ist das Letzte, was wir brauchen.
gaycrew.de: Wie sieht für dich echte Repräsentation aus?
Kevin: Vielschichtig. Ich will Schwule sehen, die Fußball lieben, die Kfz-Mechatroniker sind, die Kinder haben, die nichts mit Mode am Hut haben. Wir sind bunt – und das heißt auch: Es gibt uns in Jogginghose und mit Dreck unter den Fingernägeln.
Schluss mit den Schubladen!
Es wird Zeit, dass wir in der queeren Community aufhören, uns selbst auf ein paar schrille Typen zu reduzieren – und stattdessen zeigen, wie vielschichtig, leise, laut, alltäglich und außergewöhnlich schwules Leben wirklich ist. Ohne Vorurteile! Kevin ist nur einer von vielen. Aber er steht für etwas Großes: die Vielfalt jenseits des Klischees.
Also nächstes Mal, wenn jemand von „echten Männern“ spricht – frag zurück:
„Und was ist mit Kevin?“
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