GAYCREW / BEITRAG

Regenbogenflagge, Progress Pride & Co.: Was die Farben bedeuten

Queere Pride-Flaggen: Editorialillustration mit Regenbogenstreifen und GayCrew-Wasserzeichen

Regenbogenflagge, Progress Pride Flag oder die Variante mit gelbem Dreieck und violettem Kreis: Auf CSDs und vor queeren Clubs sind heute mehrere Fahnen zu sehen. Doch was steckt hinter den Farben, warum gibt es verschiedene Entwürfe – und wer hat sie gestaltet?

Die Geschichte queerer Pride-Flaggen zeigt, wie sich Gemeinschaft, gesellschaftliche Debatten und Design gegenseitig beeinflussen. Manche Symbole haben Jahrzehnte überdauert, andere sind erst in den vergangenen Jahren hinzugekommen. Wir erklären ihre Ursprünge ohne eine Rangliste, welche Fahne die vermeintlich wichtigste sein soll.

Editorialillustration zu Regenbogenflagge und Progress Pride mit GayCrew-Wasserzeichen
Illustration: GayCrew, kein exakter Nachbau einer offiziellen Pride-Flagge.

Wie die Regenbogenflagge entstanden ist

Wenn bei einem CSD die Regenbogenflagge über der Menge weht, wirkt das Symbol selbstverständlich. Seine Geschichte reicht jedoch erst in das Jahr 1978 zurück. Für den damaligen Gay and Lesbian Freedom Day in San Francisco entstand eine Fahne, die queere Emanzipation sichtbar machen sollte. Die Idee wird eng mit Gilbert Baker verbunden. Wie die Bauhaus-Universität Weimar erläutert, war die tatsächliche Herstellung und Gestaltung der frühen Fahnen aber eine Gemeinschaftsarbeit mehrerer Künstlerinnen, Künstler und freiwillig Engagierter.

Die erste Version hatte acht Streifen. Pink stand für Sexualität, Rot für Leben, Orange für Heilung, Gelb für Sonnenlicht, Grün für Natur, Türkis für Magie, Blau für Harmonie und Violett für Geist. Diese Zuordnungen sind historische Deutungen des ursprünglichen Entwurfs; niemand muss sie einzeln kennen, um die Flagge als gemeinsames Symbol zu verwenden.

Als die Nachfrage zunahm, veränderte sich das Design. Zunächst entfiel der pinke Streifen, später der türkise. Die heute verbreitete sechsstreifige Flagge ist deshalb keine völlig neue Idee, sondern eine vereinfachte Variante der ersten Regenbogenfahne.

Was die sechs Farben heute ausdrücken

Die sechs horizontalen Streifen – Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Violett – sind längst zu einem der bekanntesten Zeichen queerer Sichtbarkeit geworden. Sie stehen im Alltag vor allem für Vielfalt, Verbundenheit und das selbstverständliche Recht, unterschiedlich zu leben und zu lieben. Dabei ist die Fahne kein verbindliches Lexikon, das jede Identität auf eine feste Farbe reduziert.

Gerade darin liegt eine Stärke des Symbols. Die Regenbogenfahne kann bei einer Demonstration politische Forderungen begleiten, bei einer Party Gemeinschaft ausdrücken und vor einem Café signalisieren, dass queere Gäste willkommen sind. Was Menschen mit ihr verbinden, hängt auch von ihrem Umfeld und ihren Erfahrungen ab.

Eine Flagge allein garantiert allerdings noch keine Akzeptanz. Entscheidend bleibt, ob hinter dem Symbol ein respektvoller Umgang steht. Das gilt besonders dort, wo Regenbogenfarben als dekoratives Element eingesetzt werden, ohne queere Menschen tatsächlich einzubeziehen.

Warum die Progress Pride Flag hinzugekommen ist

2017 wurde in Philadelphia eine Variante präsentiert, die über dem bekannten Regenbogen zusätzlich einen schwarzen und einen braunen Streifen zeigte. Sie sollte die Aufmerksamkeit auf Rassismus und Ausgrenzung lenken, die auch innerhalb queerer Gemeinschaften vorkommen können. Der Impuls war nicht, den Regenbogen abzuschaffen, sondern bislang weniger sichtbare Perspektiven hervorzuheben.

2018 entwickelte der nichtbinäre Designer Daniel Quasar daraus die Progress Pride Flag. Zu den Regenbogenstreifen kam ein nach rechts gerichteter Keil. Darin finden sich neben Schwarz und Braun auch Hellblau, Rosa und Weiß – die Farben der Trans Pride Flag. Der Keil weist nach vorn und macht mit seiner Form sichtbar, dass gesellschaftlicher Fortschritt fortgesetzt werden muss.

Das Londoner Victoria and Albert Museum hat eine Version dieses Entwurfs in seine Sammlung aufgenommen. Für die Geschichte queerer Symbole ist das ein bemerkenswerter Schritt: Ein Zeichen, das zunächst auf Plakaten und Fahnen im Alltag auftaucht, wird zugleich als bedeutendes Designobjekt dokumentiert.

Was die inter*inklusive Progress Pride Flag ergänzt

2021 entwarf Valentino Vecchietti eine weitere Variante, die intergeschlechtliche Menschen ausdrücklich sichtbar machen soll. Sie ergänzt den Keil der Progress Pride Flag um einen gelben Bereich mit violettem Kreis. Die Farbkombination stammt von der eigenständigen Intersex-Flagge, die Morgan Carpenter 2013 entworfen hatte.

Intergeschlechtlichkeit beschreibt körperliche Geschlechtsmerkmale, die sich nicht vollständig in die typischen medizinischen Vorstellungen von männlich und weiblich einordnen lassen. Sie ist nicht automatisch eine Aussage über sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität. Genau deshalb ist die zusätzliche Sichtbarkeit in einem gemeinsamen queeren Symbol bedeutsam.

Die verschiedenen Varianten stehen dabei nicht zwangsläufig in Konkurrenz. Einige Menschen bevorzugen die klassische Regenbogenflagge, andere die Progress-Version oder eine einzelne Community-Flagge. Entscheidend ist nicht, welche Fahne angeblich die einzig richtige ist, sondern ob die Menschen dahinter respektiert werden.

Mehr als ein Symbol: Weitere Flaggen in der Community

Neben dem Regenbogen gibt es viele eigenständige Zeichen, etwa die Trans Pride Flag, die bisexuelle Pride-Flagge oder die nichtbinäre Flagge. Solche Designs können etwas ausdrücken, was ein allgemeines Gemeinschaftssymbol nicht in derselben Genauigkeit vermitteln kann: eine konkrete Zugehörigkeit oder Erfahrung.

Auf einer queeren Veranstaltung hängen daher oft mehrere Fahnen nebeneinander. Das kann für Neuankommende erst einmal unübersichtlich wirken, muss aber kein Test sein, ob jemand alle Begriffe kennt. Neugierig und respektvoll nachzufragen ist meist hilfreicher als vorschnell Bedeutungen zu unterstellen.

Für Veranstalter lohnt es sich, die Symbole bewusst einzusetzen. Wer eine bestimmte Gruppe sichtbar machen möchte, sollte möglichst auch ihre Perspektiven berücksichtigen und nicht bloß passende Farben für ein Plakat auswählen. So wird aus Gestaltung eine Einladung zur Teilhabe.

Fazit: Die Flaggen verändern sich mit der Community

Von acht Streifen 1978 bis zur inter*inklusiven Progress Pride Flag 2021 zeigt sich ein roter Faden: Queere Sichtbarkeit entwickelt sich weiter. Neue Entwürfe wollen auf Erfahrungen hinweisen, die in bekannten Bildern möglicherweise zu wenig vorkommen. Alte Symbole verschwinden dadurch nicht zwangsläufig.

Wer auf einem CSD, beim Clubbesuch oder an einem Fenster eine Pride-Flagge sieht, begegnet also auch einem Stück sozialer Geschichte. Entscheidend ist, dass aus den Farben im Alltag ein respektvoller Umgang miteinander wird.

Quellen: Bauhaus-Universität Weimar: Geschichte der LGBTIQ*-Pride-Flaggen; Victoria and Albert Museum: The Progress Pride Flag. Mehr Themen in unseren GayCrew News.

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