GAYCREW / BEITRAG

Elton John: 50 Jahre nach seinem historischen Coming-out

Elton John Coming-out 1976: GayCrew-Editorialillustration mit Pianist, Glitzerbrille und Regenbogenfarben

Elton John Coming-out 1976: Vor 50 Jahren sprach einer der größten Popstars der Welt erstmals öffentlich über seine Bisexualität. Ein Interview im „Rolling Stone“ vom 7. Oktober 1976 machte aus einer persönlichen Antwort ein Stück queerer Musikgeschichte – und zeigt bis heute, wie viel Mut Sichtbarkeit kosten konnte.

Elton John war damals bereits eine Bühnenlegende. Doch hinter den funkelnden Brillen und ausverkauften Arenen stand ein Mann, der über Einsamkeit, Liebe und seine Sexualität sprach. Unser Rückblick erzählt, wie es dazu kam, wie sich seine Selbstbeschreibung später veränderte und warum das Interview auch 2026 noch relevant ist.

Elton John Coming-out 1976 – KI-generierte GayCrew-Editorialillustration mit Glitzerbrillen, Klavier und Regenbogenfarben
KI-generierte GayCrew-Editorialillustration; keine historische Fotografie des Interviews.

Elton John Coming-out 1976: Ein Interview verändert den Blick auf den Popstar

Am 7. Oktober 1976 erschien im amerikanischen „Rolling Stone“ ein Interview mit Elton John, das weit über die Musikseiten hinaus Aufmerksamkeit erregte. Der Sänger sprach offen darüber, bisexuell zu sein. In einer Zeit, in der über gleichgeschlechtliche Liebe in der Popwelt oft allenfalls gemunkelt wurde, war das für einen weltberühmten Star ein ungewöhnlicher Schritt.

Der Journalist Cliff Jahr hatte John in New York interviewt, als der Musiker bereits riesige Hallen füllte und mit auffälligen Brillen und spektakulären Bühnenoutfits weltbekannt war. Der äußere Glamour stand dabei im Kontrast zu seinem persönlichen Bericht über Einsamkeit und die Sehnsucht nach Nähe.

Das Gespräch lässt sich nicht mit heutigen Coming-out-Formaten gleichsetzen. Es gab keine vorbereitete Kampagne und keinen Social-Media-Post. Ein Superstar beantwortete in einem langen Interview eine persönliche Frage – und musste anschließend mit einer Öffentlichkeit umgehen, die auf solche Offenheit nur teilweise vorbereitet war.

Warum eine Aussage 1976 so viel Mut erforderte

Die Siebziger waren kulturell widersprüchlich: Glamrock spielte auf Bühnen mit Geschlechterrollen, auffälligen Kostümen und Androgynität. Doch die gesellschaftliche Akzeptanz von schwulen und bisexuellen Menschen war begrenzt. Rechtliche Benachteiligungen und verbreitete Vorurteile gehörten in vielen Ländern weiterhin zum Alltag.

Ein Musiker konnte exzentrisch auftreten und dennoch damit rechnen müssen, dass sein Publikum eine ausdrücklich nicht heterosexuelle Selbstbeschreibung ablehnte. Elton John war zu diesem Zeitpunkt längst kein unbekannter Newcomer, sondern ein internationaler Star, dessen Karriere von Radiosendern, Plattenverkäufen und Veranstaltern mitbestimmt wurde.

Wie stark das Interview seine Karriere tatsächlich beeinflusste, ist nicht eindeutig messbar. John berichtete später selbst von einer abkühlenden Reaktion insbesondere in Teilen der USA. Zugleich veränderte sich die Musikwelt, und seine außergewöhnliche Erfolgsphase der frühen Siebziger konnte nicht unverändert weitergehen. Diese verschiedenen Faktoren sollte man nicht vorschnell zu einer einzigen Ursache zusammenziehen.

Von „bisexuell“ zu „schwul“: Seine eigene Entwicklung

1976 verwendete Elton John für sich öffentlich das Wort bisexuell. In einem weiteren Interview im Jahr 1992 beschrieb er sich dann ausdrücklich als schwul und sagte, er fühle sich mit dieser Selbstbeschreibung wohl. Zwischen diesen beiden Interviews lagen zahlreiche persönliche Veränderungen, aber auch eine veränderte öffentliche Debatte über Sexualität.

Es wäre falsch, daraus eine allgemeine Geschichte abzuleiten, nach der Bisexualität nur eine Zwischenstation sein müsse. Bisexuelle Menschen müssen sich nicht „entscheiden“, und eine spätere andere Selbstbeschreibung einer berühmten Person entwertet ihre Identität nicht. Entscheidend ist, welche Worte ein Mensch selbst für sich wählt.

Auch Johns zwischenzeitliche Ehe mit der Tontechnikerin Renate Blauel von 1984 bis 1988 macht keine dieser Aussagen automatisch ungültig. Beziehungen und sexuelle Orientierung lassen sich nicht allein durch einen Trauschein oder die jeweilige Partnerschaft erklären. Wer seine Geschichte betrachtet, sollte deshalb sorgfältig zwischen öffentlichen Fakten und persönlichen Zuschreibungen unterscheiden.

Zwischen Bühnenfigur und Privatleben: Mehr als Glitzerbrillen

Elton Johns Markenzeichen waren große Melodien, extravagante Auftritte und eine fast grenzenlose Bühnenfantasie. Songs wie „Rocket Man“, „Your Song“ und „Goodbye Yellow Brick Road“ prägten schon damals die Popgeschichte. Seine Musik erreichte ein Publikum, das weit über einzelne Szenen und gesellschaftliche Gruppen hinausging.

Gerade deshalb hatte seine Offenheit besonderes Gewicht. Wer eine Persönlichkeit seit Jahren aus dem Radio kannte, wurde plötzlich mit einem persönlichen Teil ihres Lebens konfrontiert, über den in vielen Familien und Medien wenig offen gesprochen wurde. Für manche Fans war das ungewohnt, für andere ein ermutigendes Signal.

Ein Coming-out macht einen Künstler nicht erst interessant oder talentiert. Es kann aber verändern, wie Menschen über Bekanntheit, Zugehörigkeit und Identität denken. Johns Karriere zeigt, dass queere Sichtbarkeit nicht außerhalb des Mainstreams stattfinden muss, sondern mitten in ihm entstehen kann.

David Furnish, Familie und ein anderes öffentliches Bild

Seit 1993 ist David Furnish der langjährige Partner an Elton Johns Seite. Das Paar ging 2005 in Großbritannien eine eingetragene Lebenspartnerschaft ein und heiratete 2014, nachdem dort die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare eingeführt worden war. Die beiden haben gemeinsam eine Familie gegründet.

Die öffentliche Wahrnehmung dieses Lebenswegs unterscheidet sich deutlich von der Situation im Jahr 1976. Eine gleichgeschlechtliche Ehe prominenter Menschen ist heute in zahlreichen Ländern sichtbar und rechtlich möglich, während andere Staaten weiterhin grundlegende Rechte verweigern. Fortschritt ist daher weder überall gleich noch unumkehrbar.

Johns Geschichte bietet einen greifbaren Rückblick darauf, wie viel sich in fünf Jahrzehnten verändert hat – und warum die Möglichkeit, die eigene Beziehung offen zu leben, nicht selbstverständlich vorausgesetzt werden sollte.

Elton John AIDS Foundation: Aus Sichtbarkeit wird Engagement

1992 gründete Elton John die Elton John AIDS Foundation. Besonders prägend war zuvor seine Freundschaft mit dem an Aids verstorbenen Jugendlichen Ryan White. Die Stiftung setzt sich seither dafür ein, HIV-Prävention und Versorgung zugänglicher zu machen und Diskriminierung entgegenzuwirken.

Im Laufe der Jahrzehnte engagierte sich die Organisation international für Tests, Behandlung und besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen. Dabei steht nicht allein medizinischer Fortschritt im Mittelpunkt. Auch Stigma, fehlende Informationen und strukturelle Hindernisse können Menschen daran hindern, Hilfe zu erhalten.

Für die queere Community hat dieses Engagement eine besondere historische Bedeutung, auch wenn HIV Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung betrifft. Elton John verbindet seit Jahrzehnten seine öffentliche Bekanntheit mit dem Ziel, dass Menschen nicht aus Angst vor Vorurteilen auf gesundheitliche Versorgung verzichten.

50 Jahre später: Warum Elton Johns Offenheit noch zählt

Fünfzig Jahre nach dem Interview vom 7. Oktober 1976 ist Elton Johns Geschichte ein Stück Popgeschichte – und ein Beispiel dafür, wie sich die Sprache über sexuelle Orientierung und queere Identität verändert hat. Was damals für Teile des Publikums ein Tabubruch war, gehört heute für viele Menschen selbstverständlich zum öffentlichen Leben.

Der Rückblick zeigt zugleich, warum man Biografien nicht auf ein einziges Etikett reduzieren sollte. Elton John beschrieb sich zu verschiedenen Zeiten auf unterschiedliche Weise und machte dabei seine eigenen Erfahrungen. Diese Selbstbestimmung verdient ebenso Respekt wie die vieler weniger bekannter Menschen, die täglich entscheiden, wem sie sich anvertrauen.

Für GayCrew ist die Geschichte daher mehr als ein Jahrestag: Sie handelt von Sichtbarkeit, Musik und dem Recht, die eigene Lebensgeschichte selbst zu erzählen. Und davon, dass ein Satz in einem Interview manchmal noch ein halbes Jahrhundert später Diskussionen anstoßen kann.

Quellen und Hintergrund: Rolling Stone – Interview von 1976 (Rückblick); queer.de – Rückblick zum 50. Jahrestag; The Frost Tapes – Elton Johns Rückblick; Elton John AIDS Foundation – Geschichte. Weitere Musikgeschichten gibt es in unserer Musikrubrik.

GAYCREW / TEILEN

Gefällt dir die Story? Teile sie!

Schick die Story an Freunde oder teile sie mit deiner Community.

GAYCREW / DISKUSSION

Sag uns deine Meinung!

Du hast etwas zu sagen? Schreib uns deinen Kommentar zum Artikel. Bitte bleib respektvoll und sachlich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

✦ DEINE EVENTTIPPS

Wohin am Wochenende?

Entdecke Partys, Drag-Shows, CSDs & Kultur. Mit Datum, Stadtfilter und allen Details.

Eventkalender entdecken ↗

GAYCREW FANSHOP

Trag GayCrew!

Shirts, Hoodies und mehr mit unserem GayCrew-Logo. Unser Merch-Shop ist in Vorbereitung.

BALD VERFÜGBAR

GAYCREW MAGAZIN

Meistgelesen

WERBUNG

Platz für Partner und Anzeigen

FOLLOW GAYCREW

Bleib dabei!

Musik, Updates und Einblicke – direkt aus der GayCrew-Welt.

◎ Instagram ↗ f Facebook ↗ ▶ YouTube ↗

WERBUNG

Hier könnte deine Anzeige stehen